Sonntag, 3. Februar 2013

Geheimnisse des Tai Chi - Teil 1

Anders als der Titel vielleicht vermuten lässt, bin ich selbst noch ein ziemliches "Tai Chi Greenhorn". Ich beschäftige mich jedoch sehr gerne mit Theorien und finde es auch bei praktisch ausgeübten Themen, wie bei dieser Sportart nicht verkehrt, etwas zunächst kognitiv zu erfassen, bevor man es nach langem Training auch "körperlich begreift".

Die Texte dieser Serie sind eine Zusammenfassung der Weisheiten meiner eigenen Trainerin (www.bonner-seminare.de) und aus Ben Sterlings amerikanischem "Internal Combat Arts Newsletter" - natürlich aus meinem eigenen Blickwinkel beschrieben.

Das häufigste Missverständnis
Tai Chi ist nicht nur eine Gymnastik, die ohne Frage sehr der Gesundheitsförderung dient, sondern durch entsprechendes Training auch eine effektive Selbstverteidigungsmethode. Auch wenn es nicht direkt einleuchtet: Weichheit in allen Gelenken ist die wichtigste Grundlage dafür.

Als Grundprinzip gilt, dass jede Spannung im Körper den Kraftfluss unterbricht - und zwar die Kraft des Gegners, aber auch die eigene Kraft. Bevor ich weiter ins Detail gehe, noch ein wichtiger Sicherheitshinweis für die kleinen und großen Kinder unter uns: Bitte das Folgende nicht ohne professionellen Trainer ausprobieren!  Es erfordert Jahre an Training, bis man soweit ist. Es macht aber schon ab dem ersten Tag wirklich Spaß.

Die eigene Kraft
Wenn der eigene Rücken angespannt ist, schneidet dies bei einem Fauststoß die Kraft aus den Beinen ab und es steht nur noch die Kraft des Oberkörpers zur Verfügung. Wenn eine Schulter angespannt ist, beschneidet dies sogar die Kraft des ganzen Körpers und es bleibt nur noch die Schlagkraft des Armes übrig. Je weicher man wird, desto mehr Wirkungskraft wird der eigener Schlag bekommen. Sehr schön wird dies im Filmausschnitt  rechts, an Hand von offenen und geschlossenen Schlössern symbolisiert.

Die Kraft des Gegners
Tai Chi geht immer von einem überlegenen Gegner aus, der also stärker und schneller ist, als man selbst. Das bedeutet, dass die Schläge des Gegners dich vermutlich auch treffen werden. Auch hier entscheidet aber die eigene Weichheit darüber, ob ein Schlag Schaden anrichtet, oder nicht. Überall dort, wo man im eigenen Körper Spannung hält, kann die Kraft eines Aufpralls schaden anrichten. Wenn der ganze Körper bis ins letzte Gelenk jedoch weich ist, wird die Kraft des Schlages verteilt und man kann auch starke Schläge ohne Verletzung überstehen. Je weicher man ist, um so weniger Schaden kann der Gegner anrichten. Beispielvideo 

Wahrnehmung (Ting Jing)
Ting Jing ist die Fähigkeit genauer wahrzunehmen. Je weicher man ist, umso mehr kann man während der Interaktion mit dem Gegner spüren, ob und wo der Gegner Spannungen in seinem Körper hat. Dies sind seine Schwachpunkte! Wenn man weich genug ist, kann man diese Spannungen erspüren und die eigene Kraft gezielt gegen die Spannung des Anderen richten, um den Gegner umzustoßen und dann im Zweifel wegzulaufen  ;-). Im rechts verlinkten Video werden alle hier genannten Punkte sehr anschaulich thematisiert. 

Verstecken des eigenen Mittelpunktes
Wenn dein Körpermittelpunkt über die Grundfläche deines Standes geschoben wird, kippst du zwangsläufig um. Wenn der Gegner jedoch diesen Mittelpunkt nicht erspüren kann, wird er dich nicht umstoßen können. Das funktioniert, in dem du lernst, die Kraft des Gegners vom eigenen Mittelpunkt abzulenken. Es ist eine fortgeschrittene Fähigkeit, die sehr viel Zeit braucht sich voll zu entwickeln und es erfordert - na was wohl? Richtig: Extreme Weichheit! Das Prinzip hierbei lautet also: Kenne (erspüre) deinen Gegner, aber lass ihn nicht Dich kennen.

Jet Li zeigt dies rechts im Filmausschnitt aus "Twin Warriors" am Beispiel einer Stehaufpuppe sehr anschaulich. Ein weiteres Prinzip, nämlich die Kraft und Dynamik des Gegners zu nutzen, statt sie zu bekämpfen, zeigt sich etwas später im selben Filmausschnitt, in seinem Spiel mit dem Ball und dem Wasser.

Weichheit ist der wichtigste Bestandteil dieser Strategien und eine Fertigkeit, die zu vielen anderen fortgeschrittenen internen Fähigkeiten führt. Die Basisübung hierfür ist das hoffentlich jedem Tai Chi Schüler bekannte Tui Shou (pushing hands).

Es gibt noch weitere Geheimnisse des Tai Chi, auf die ich in den nächsten Teilen dieser Serie eingehen werde. Bis es soweit ist, interessieren euch vielleicht weitere allgemeine Artikel zum Thema Tai Chi auf www-blogger.de.


Bild- und Videoquellen:
  • Bild "Chi wecken", Bill Mulder - cc-by / flickr.com
  • Video "Tai Chi Zero" / © Diversion Pictures, Huayi Brothers und Taihe Film Investment / stream: youtube.com
  • Video "Tai Chi fighting strategy" / ©  Ian Sinclair / Cloud Mountain Martial Arts / stream: youtube.com
  • Video "Tai Chi Master", chin. Titel "Twin Worriers", deut. Titel "Tai Chi" / © Eastern Productions und Golden Harvest Company / stream: youtube.com


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